Auch in der Ukraine wurde in den Medien über den Rücktritt von Bundespräsident Wulff berichtet. Häufig nur in Form einer kurzen Meldung mit einer Darstellung des Verlaufs der Kredit-Affäre und der weiteren Vorwürfe gegen Wulff. Teilweise jedoch auch in Form eines Kommentars zu seinem Rücktritt, was natürlich sehr viel interessanter ist, da man dadurch einen Eindruck vermittelt bekommt, wie die Ukrainer über dieses Ereignis denken.
Der Tenor der Kommentare, die im Internet zu lesen sind, ist immer ähnlich: Wenn wir nur so einen Präsidenten hätten! Der Journalist der “Ukrainska Pravda” Serhij Leschtschenko nennt es gar “eine Lehrstunde guter Manieren für Präsident Janukowytsch vom deutschen Bundespräsidenten”. Da ich diesen Artikel sehr interessant fand, möchte ich ihn an dieser Stelle aus dem Ukrainischen übersetzen:
“Drei Monate. Nur drei Monate waren für den deutschen Bundespräsidenten nötig, um wegen eines nach unseren Maßstäben eher geringfügigen Skandals zurückzutreten. Journalisten hatten herausgefunden, dass Wulff einen Kredit von einem befreundeten Geschäftsmann für den Bau eines in unseren Augen bescheidenen Hauses bekommen hatte. Zumal Wulff sich das Geld geliehen hatte, noch bevor er zum Staatsoberhaupt gewählt worden war. Der Grund für die journalistischen Untersuchungen war die Tatsache, dass Wulff zu der Frage geschwiegen hatte, ob er mit diesem Unternehmer geschäftliche Beziehungen unterhalten hatte. Anschließend versuchte Wulff auf die Redaktion der Bildzeitung und auf den Springer-Verlag einzuwirken, um einen Skandal zu verhindern.
Die Geschichte erinnert in gewisser Weise an eine ähnliche Begebenheit bei uns, als Landwirtschaftsminister Prysjashnjuk die Zeitung Kyiv Post unter Druck setzte, damit diese ein Interview über seine Beziehungen zum damals extrem einflussreichen Abgeordneten Jurij Jenakijiwskyj nicht veröffentlicht. Mit dem einzigen Unterschied, dass bei uns die Sache damit endete, dass der Redakteur der Zeitung um ein Haar entlassen worden wäre, während in Deutschland der Präsident seinen Rücktritt erklärte. Wulff trat zurück, nachdem die deutsche Staatsanwaltschaft einen Antrag zur Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten an den Bundestag gestellt hatte. Der Skandal um Wulff ist geradezu eine Nichtigkeit im Vergleich zum Erwerb des Anwesens “Meshihirja” durch Präsident Janukowytsch.
“Deutschland braucht einen Präsidenten, der das Vertrauen nicht nur einer einfachen, sondern einer breiten Mehrheit der Bevölkerung genießt”, sagte Wulff bei seinem Abtritt. “Die Entwicklung der vergangenen Tage hat gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit auch meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt sind.”
Kann sich irgendjemand vorstellen, dass Präsident Janukowytsch (oder irgendein anderer ukrainischer Politiker der 2000er Generation ) solch einen Satz verkündet und danach hinter sich die Tür schließt?”
Serhij Leschtschenko stellt in seinem Artikel zwei Bilder des jeweiligen Hauses des deutschen und des ukrainischen Präsidenten gegenüber und in diesem unmittelbaren Vergleich wirkt Wulffs Haus tatsächlich recht bescheiden… Vor dem Hintergrund der in der Ukraine immer mal wieder aufflammenden Debatte um das Anwesen von Präsident Viktor Janukowytsch mit dem idyllischen Namen “Meshihirja” (was ungefähr mit “Land zwischen den Hügeln” übersetzt werden kann) erscheint die Affäre unseres Präsidenten um das von einem Freund geliehene Geld für den Hausbau eher nichtig. Zumal wenn man bedenkt, dass dies nur eine von elf vorwiegend auf der Krim gelegenen Residenzen ist, die der Präsident nach Zeitungsangaben besitzen soll. Vielfach war auch von der ukrainischen Presse das pompöse Anwesen Janukowytschs und die Kosten hierfür kritisiert worden. Dementsprechend schreibt ein Leser eines Artikels der Internetseite von “Lewyj Bereg” über den Wulff-Rücktritt: “Unser Präsident wertet es als persönliche Beleidigung, wenn er aufgefordert wird, zu sagen, für wieviel er Meshihirja “gekauft” hat. Von so etwas würden die Deutschen noch nichtmals träumen! Dort muss man sich für jede ausgegebene Kopeke verantworten und hier klaut jeder soviel er will!”
Im vergangenen Jahr hatte Präsident Janukowytsch sechs ausgewählte Journalisten zu sich eingeladen, um ihnen sein Anwesen zu zeigen.

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Eigentlich sind die Ansprüche an Politiker in allen Staaten mehr oder weniger gleich. Man erwartet Integrität und Können. Wenn Integrität fehlt, wird dem Wähler mulmig und er will den Politiker nicht mehr im Amt haben und wenn dieser sich da doch hält, wird er als illegitim gesehen. Das ist überall gleich.