Die Ukraine und ihre Bewohner sind nicht besonders tief im westeuropäischen bzw. im deutschen Bewusstsein verankert. Vielen gelten die Ukrainer als Russen und ihre Sprache als russischer Dialekt. Wenn nicht gerade eine “Orange Revolution” die politischen Verhältnisse auf den Kopf stellt (wie 2004 geschehen) oder ein Gasstreit mit Russland Auswirkungen auf Westeuropa hat (wie in den kalten Wintern 2005/2006 und 2008/2009) erfährt man aus deutschen Medien recht wenig über das nach Russland flächenmäßig zweitgrößte Land Europas. Ein Grund mehr, das Land im Rahmen dieses Blogs etwas genauer zu beleuchten und seine wechselvolle Geschichte vorzustellen.
Der Begriff “Ukraina” bedeutet Grenzland oder Gebiet am Rand und taucht als solcher erstmals in den Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts auf. Gemeint war hiermit die Grenze zur Steppe, die als Trennlinie zwischen der sesshaften ostslawischen Bevölkerung und den in der Steppe der heutigen Südukraine lebenden turkstämmigen Reiternomaden fungierte. Die am Dnjepr lebenden ukrainischen Kosaken waren bereits seit dem 16. Jahrhundert entlang des Flusses in Steppengebiete vorgedrungen und erfüllten die Funktion einer Grenzland-Bevölkerung, indem sie die sesshafte Bevölkerung vor den Übergriffen der aus der Steppe einfallenden Reiternomaden schützte. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts verlor die Steppe diese Grenzfunktion, als ukrainische Bauern allmählich auch die Steppe nördlich des Schwarzen Meeres zu besiedeln begannen.
Abgesehen vom Schwarzen Meer im Süden und den Karpaten im Westen besitzt die Ukraine kaum natürliche Grenzen und so war das Gebiet im Laufe der Jahrhunderte häufig Ziel von Expansionsgelüsten seiner Nachbarn: Teile des Territoriums der heutigen Ukraine gehörten im Verlauf der Geschichte zu Polen-Litauen, Österreich-Ungarn, Rumänien, zum Osmanischen Reich und zu Russland. Die unterschiedlichen Einflüsse und Prägungen der einzelnen ukrainischen Regionen aufgrund der unterschiedlichen Herrschaftszugehörigkeiten sind teilweise bis heute in der Ukraine präsent. Ausgehend von den historischen Besonderheiten kann man von fünf Teilregionen der Ukraine sprechen.
- Das Gebiet um die Hauptstadt Kiew mit den Gebieten rechts- und linksseits des Dnjepr. Während die rechtsufrige Ukraine mit den Regionen Wolhynien und Polesien bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu Polen-Litauen gehörte, bestand im linksseitigen Gebiet des Dnjepr von 1649 bis 1764 das Hetmanat der Dnjepr-Kosaken (benannt nach dem als Hetman bezeichneten Führer der Kosaken), das fast ein Jahrhundert lang weitgehende Autonomie innerhalb des Russischen Zarenreichs genoss, bevor es unter Zarin Katharina der Großen ins Reich eingegliedert wurde.
- Die Ostukraine gliedert sich in die Sloboda-Ukraine (das Gebiet um Charkiw) im Norden und das Donez-Becken (“Donetskyj bassejn”, daher die Kurzform Donbass, die auch im Deutschen gebräuchlich ist) im Süden.
- Die Südukraine umfasst die Steppengebiete nördlich des Schwarzen Meeres.
- Die Westukraine mit ihren verschiedenen Teilregionen (Galizien um Lemberg im äußersten Westen, die nördliche Bukowina und das westliche Podolien im Süden) stand über mehrere Jahrhunderte unter polnischem Einfluss.
- Die Karpaten-Ukraine liegt im äußersten Südwesten der Ukraine und grenzt an Rumänien, Ungarn, die Slowakei und Polen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts hatte dieses Gebiet unter osmanischem Protektorat gestanden, danach zu Österreich-Ungarn.
Nicht zuletzt aufgrund dieser über die Jahrhunderte wechselnden Herrschaftszugehörigkeiten des Territoriums des heutigen ukrainischen Staates war der ukrainische Nationsbildungsprozess schwierig und langwierig. Wie im übrigen Europa war auch für die Ukrainer das 19. Jahrhundert eine wichtige Periode für die Entstehung einer ukrainischen Nationalbewegung. Gemeinhin werden verschiedene Aspekte genannt, die die Entstehung einer Nationalbewegung bgünstigen. Ein erster wichtiger Faktor für die Nationenbildung ist die gemeinsame Sprache. Die ukrainische Oberschicht und diejenigen, die an einem sozialen Aufstieg interessiert waren, übernahmen größtenteils die Sprache und Kultur der herrschenden Polen bzw. Russen und integrierten sich in deren Gesellschaften. Lediglich die ländliche Bevölkerung sprach auch unter polnischer bzw. russischer Herrschaft Ukrainisch. Die ukrainische Elite, die potentiell die Begründung einer ukrainischen Nation hätte vorantreiben können, war in weiten Teilen entweder polonisiert oder russifiziert, was die Entwicklung der ukrainischen Literatursprache erschwerte. Es ist das Verdienst des bis heute in der Ukraine als Nationalheld verehrten Schriftstellers Taras Schewschtschenko (1814-1861), dass er mit seinem literarischen Werk die ukrainische Literatursprache begründete und zu ihrer Verbreitung beitrug.
Neben der gemeinsamen Sprache kann häufig die Religion als Baustein für eine Nation dienen. Im Falle der Ukrainer war das Bekenntnis zum orthodoxen Christentum ein wichtiger Faktor, mit dessen Hilfe sie sich von den mehrheitlich katholischen Polen und Ungarn oder den muslimischen Türken abgrenzen konnten. Als Unterscheidungsmerkmal gegenüber den ebenfalls orthodoxen Russen konnte die Religion dagegen keine Rolle spielen. Darüber hinaus werden historische Gemeinsamkeiten oder Traditionen oft als eine weitere wichtige Prämisse für die Ausbildung einer Nation benannt. Auch die Ukrainer konnten auf gemeinsame ukrainische Traditionen Bezug nehmen: So diente der knapp ein Jahrhundert bestehende autonome Kosakenstaat (Hetmanat) ukrainischen Nationalisten als Beispiel eines Prototyps für ukrainische Staatlichkeit, an die angeknüpft werden könnte. Nicht zuletzt muss natürlich auch innerhalb des Volkes selbst das Bewusstsein vorhanden sein, dass man ein Volk bzw. eine Nation bildet. Dieses Nationalbewusstsein entwickelte sich unter den Ukrainern ab dem 19. Jahrhundert jedoch nur sehr langsam und zunächst vor allem innerhalb der gebildeten Gesellschaftsschichten, erst im Laufe des 20. Jahrhunderts dehnte es sich auch auf andere soziale Schichten aus.
Da die Ukrainer über weite Teile ihrer Geschichte nicht nur im Schatten ihrer Nachbarn standen, sondern die einzelnen Regionen der heutigen Ukraine zudem auch durch die verschiedenen Einflüsse der jeweiligen herrschenden Reiche unterschiedlich geprägt wurden, waren die Ausgangsbedingungen für eine ukrainische Nationalbewegung sehr schwierig. Die Tatsache, dass die Ukraine in ihren heutigen Grenzen erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als unabhängiger Staat besteht und damit zu den spät gebildeten Nationalstaaten gezählt werden kann, ist vermutlich auch ein Grund, warum das Land und seine Bewohner auch heute noch im europäischen Bewusstsein wenig präsent sind, obwohl das Volk der Ukrainer mit über 40 Millionen nach den Russen, Deutschen, Briten, Franzosen und Italienern von ihrer Anzahl her an sechster Stelle in Europa stehen.
Zum Weiterlesen:
Andreas Kappeler: “Kleine Geschichte der Ukraine”
Beck-Verlag, 3. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe 2009
338 Seiten
14,95 Euro






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